Skip to Content

de | en

Quartalsrückblick Q3 2018: Handy Theft Edition

Ein Diebstahl im rechten Moment

Im Nachhinein ist man immer klüger. Heute wissen wir, dass man als Bitcoin-Investor ruhig hätte verkaufen können als der Preis im Jänner 2018 noch weit über 15.000 USD stand. Oder dass man zumindest nicht am Höhepunkt der letzten Manie hätte einsteigen sollen, in der Hoffnung auf 25.000, 30.000 oder 50.000 USD pro Bitcoin.

Eines wussten wir aber schon immer: Auf diese digitalen Wertgegenstände namens Bitcoin, Ethereum oder Ripple muss man gut aufpassen. In der Praxis ist das aber gar nicht einfach. Niemand weiß das heute besser als Michael Terpin.

Der amerikanische Unternehmer und Investor ist schon lange im Bitcoin-Business. Er gehörte zu den Mitgründern der allerersten Gruppe an Angel Investoren, die seit 2013 in junge Bitcoin-Firmen investiert. Ihr Name: BitAngels. Aus BitAngels ist auch einer der ersten Fonds für digitale Währungen entstanden. Das war im März 2014. Heute ist Terpin auch Berater bei Alphabit Fund, einer der größten Hedge Funds im Krypto Bereich.

Aber das ist alles egal. Denn Schlagzeilen macht Terpin jetzt vor allem durch sein Pech – und seinen juristischen Einfallsreichtum. Ihm wurden nämlich ausgerechnet im Jänner Bitcoin und andere Kryptowährungen im damaligen Gegenwert von rund 23 Millionen USD gestohlen.[1]

Ihr Telefon könnte mehr kosten als Sie denken

Der Investor wurde das Opfer einer neuen besonders perfiden Form des Betrugs, bei der die Betrüger die Kontrolle über die SIM-Karte des Mobiltelefons ihrer Opfer erlangen. Viele Online-Portale nutzen die Handynummer der Nutzer als zusätzliche Sicherheitsbarriere, indem sie etwa SMS schicken, wenn jemand sich einloggen will. Dies wird als Two-Factor Authentication (2FA) bezeichnet, was ua. von Google Authenticator und Authy angeboten wird.

Leider kann dieses Feature aber auch missbraucht werden, wenn es Hackern gelingt, die Kontrolle über das Handy zu übernehmen. Diese Form des digitalen Identität-Diebstahls wird auch angewandt, um sich illegal besonders beliebte Social Media Accounts zu sichern. Die werden dann im Darkweb weiterverkauft – gegen Bitcoin. Im Fall von Terpin wurden direkt Bitcoin und andere Kryptowährungen gestohlen. [2]

Woher wir das wissen? Vom Opfer selbst. Der sieht die Schuld für sein Unglück nämlich bei seinem Handybetreiber AT&T und will nun vor Gericht gehen. Seine Anwälte haben eine Schrift im Umfang von 69 Seiten vorgelegt, die die angebliche Verantwortung des Netzbetreibers darlegt. Terpin verklagt AT&T nicht nur auf die Schadenssumme von 23,8 Millionen USD – berechnet auf der Basis des Bitcoin-Preises vom 7. Jänner 2018, als ein Bitcoin ein knapp über 17.000 USD wert war.

Das war der Tag, an dem Terpin bestohlen wurde. Es war auch der Tag, an dem sich der Preis zum letzten Mal aufgebäumt hat. In den nächsten vier Wochen ist er um mehr als 60 Prozent gefallen. Den Boden hat der Bitcoin-Preis in der Gegend von 6.000 USD gefunden. Das hoffen zumindest die Anleger, die einen Absturz fürchten. Denn wenn eine Unterstützung nach unten durchbrochen wird, taucht sie am Weg nach oben als Widerstand wieder auf. Seit unserem letzten Report gab es zwar eine Preisrally, aber "higher highs" wurden nicht erreicht. Der Bärenmarkt geht weiter.

Michael Terpin hat ohnehin andere Probleme. Er verlangt von AT&T nicht nur den Gegenwert seiner Bitcoins zurück, zusätzlich will er noch 200 Millionen USD als Schadenersatz. Sollte Terpin damit durchkommen, hätte er also nicht bloß einen Weg gefunden, seinem Portfolio den Bitcoin-Abverkauf des Jahres 2018 zu ersparen. Nein, er würde sein Kapital fast verzehnfachen. Dass AT&T jede Verantwortung von sich weist, versteht sich von selbst.

Was sagt uns diese Episode? Dass selbst erfahrene Bitcoin-Investoren, die seit Jahren im Geschäft sind und Millionen angehäuft haben, mit der sicheren Lagerung ihrer Coins überfordert sind. Zwar sind die Details des Diebstahls nicht ganz klar, aber die Indizien weisen stark darauf hin, dass hier einer oder mehrere von Terpins Trading-Accounts ausgeräumt wurde. Eine weitere Möglichkeit ist, dass er seine Private Keys in schlecht gesicherter Form etwa in seinem E-Mail-Account oder einem Cloud-Dienst gespeichert hatte. Beides sind keine sehr sicheren Optionen. Aber Terpin ist nicht alleine.

Bitcoin lagern, aber wie?

Die Frage nach der sicheren Lagerung von Bitcoins beschäftigt Anleger, seit es die Kryptowährungen gibt. Das ist auf den ersten Blick überraschend. Bitcoin braucht keine Bank, keine Zentralbank, keine Anmeldung und keine Genehmigung. Es ist ein in sich geschlossenes Geldsystem, das eine verlässliche und sichere Wertübertragung über das Internet ermöglicht.

Den technisch versierten Früheinsteigern war all das Argument genug. Und wir können auch beobachten, dass Bitcoin seine Rolle als Geld und Fluchtwährung in Extremfällen sehr wohl weiterhin spielt. Da reicht ein Blick nach Venezuela, wo die Staatswährung aktuell eine Hyperinflation durchmacht.[3] Aber in den einigermaßen stabilen Finanzmärkten des Westens, wo Bitcoin vor allem ein Spekulationsobjekt ist, stellt sich die Situation anders dar.

Die Frage des einfachen Zugangs und der Lagerung von digitalen Assets ist größtenteils unbeantwortet. Der Mainstream-Investor will sich nicht um Private Keys oder Hardware Wallets kümmern. Auch der Einstieg institutioneller Investoren in den Sektor wird dadurch behindert. Erst langsam kommen ausgereifte Modelle für Bitcoin-Custodianship auf den Markt. Die Investmentbank Nomura hat ein Konsortium mit den Firmen Ledger und Global Advisors gegründet und bastelt an einer Lösung. Der Name: Komainu. Indes arbeiten drei Großbanken an ihren eigenen Angeboten: Bank of New York, JPMorgan und Northern Trust.[4]

Ein weiterer Player ist –natürlich – Coinbase. Kyle Samani, ein Partner beim Krypto-Hedgefund Multicoin Capital, testet gerade deren neu angebotenen Custodian-Dienst. Bloomberg spricht diesbezüglich gar von einem "game changer". "Es gibt viele Investoren, für die Custodianship die letzte Hürde darstellt", so Samani und ergänzt: "Im Laufe des Jahres wird der Markt kapieren, dass Custodianship ein gelöstes Problem ist. Das wird eine große Welle an Kapital bringen."

Coinbase verlangt für seine Angebot eine Einmalzahlung von 100.000 USD und danach eine Gebühr von 0,1 Prozent pro Monat bei einer Mindesteinlage von 10 Millionen USD. Dennoch geht man bei Coinbase davon aus, dass Assets im Gegenwert von rund 20 Mrd. USD in Custodian Services fließen könnten. Das Problem ist auch nicht ganz neu. Auch für traditionelle Assets wie Cash, Goldbarren oder Diamanten braucht es Custodians, die sich seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten am Markt etabliert haben. Aber Kryptowährungen sind vor möglichen Hackerangriffen zu schützen. Und oft ist ihre juristische Behandlung noch nicht geklärt. Etablierte Player wie JP Morgan und Northern Trust sind deshalb sehr zurückhaltend. Sie wollen in den Markt, warten aber noch ab und gehen "extrem vorsichtig" vor, wie eine Quelle gegenüber Bloomberg sagte.

Wir werden die Entwicklung der Custodian-Angebote für Bitcoin und andere Kryptowährungen weiterhin genau beobachten. Bärenmärkte sind der ideale Zeitpunkt, um die Infrastruktur zu verbessern. Die zaghaften Fortschritte im Custodian-Sektor sind für uns ein Hinweis darauf, wie jung dieser Markt noch ist – und wie lange er noch brauchen könnte, um erwachsen zu werden.

Ein weiterer Hinweis: Der Preisboom von 2017 hat die Aufmerksamkeit der Millionäre auf Bitcoin gelenkt. Und wie der jährliche Capgemini-World Wealth Report zeigt, sind mehr als die Hälfte der weltweiten “high net worth individuals“ (HNWIs) zumindest oberflächlich an Bitcoin interessiert. Aber nur ein Drittel von ihnen fühlt sich von den Vermögensberatern ausreichend informiert und betreut. Anders gesagt: Zwei von drei Beratern haben noch keine Ahnung von Bitcoin. Jetzt, da ihre reichen Kunden sich darüber beschweren, sollte sich das rasch ändern. Das ist ein Hauptgrund, warum Incrementum den Crypto Research Report veröffentlicht. Wir sind bestrebt, die Anleger zu informieren und bieten auch Investmentlösungen wie einen AIF-geregelten Kryptowährungsfonds an.

Von China bis Liechtenstein

Nochmal zurück zur Frage des Custodianship: Auch Fidelity, einer der größten Anbieter für Finanzprodukte in den USA, will sich in diesem Markt etablieren. CEO Abigail Johnson gilt als eine der berühmtesten Bitcoin-Fürsprecherinnen im US-Mainstream. Johnson hat sich bereits im Mai 2017 öffentlich für Bitcoin ausgesprochen. Sie will es auch nicht bei der Lagerung von Coins belassen, sondern hat sich zum Ziel gesetzt, den Zugang für Investoren zu vereinfachen. Ein möglicher Weg: Fidelity dürfte an einer eigenen Kryptobörse basteln und zwar schon seit einem Jahr.[5]

Auch das Wettrennen um die nächste große Bitcoin-Börse ist längst voll im Gang. Die Schweizer Börse arbeitet an einer Krypto-Trading-Plattform. Sie soll die "erste ihrer Art" werden und schon Anfang 2019 an den Start gehen. "Das ist der Beginn einer neuen Ära", kündigte Jos Dijsselhof, CEO des Betreibers SIX, an: "Für uns ist vollkommen klar, dass vieles von dem, was in der digitalen Welt geschieht, die Zukunft unserer Industrie bestimmen wird."[6]

Die Börse in Toronto, Kanada, hat ähnliche Pläne. Auch die Börse Stuttgart in Deutschland will in den Markt. Man bastelt an einer eigenen App, genannt "Bison", die es Anlegern erlauben soll, ohne Gebühren digitale Assets zu kaufen. Auch eine Trading-Plattform ist geplant. Die Deutschen gehen aber noch ein Stück weiter. Sie wollen auf ihrer Plattform auch ICOs möglich machen, deren Coins dann sofort handelbar sind.[7]

Bisher wird der Markt von der ursprünglich in China gegründeten Börse Binance dominiert. Binance selbst ist aber kaum mehr als ein Jahr alt. Die Schnelllebigkeit des Bitcoin-Marktes und teils unklare gesetzliche Regelungen habe dazu geführt, dass Binance nach China und Hong Kong auch in Malta Fuß gefasst hat und zuletzt auch in Liechtenstein, in der Heimat von Incrementum. Eine Kooperation zwischen der Liechtensteiner Kryptobörse LCX soll Anlegern ein Fiat-Gateway in Euro und Schweizer Franken eröffnen. Gleichzeitig hat die Regierung in Liechtenstein ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das Kryptofirmen und ICOs anlocken soll.[8]

Ziel ist es, dem Krypto Valley in der Schweiz Konkurrenz zu machen. Lt. Anwalt und Softwareentwickler Thomas Nägele, prüfen immer mehr Blockchain-Firmen die Gesetzeslage in Malta, Gibraltar, der Schweiz und Liechtenstein und entscheiden sich dann für Vaduz.[9] Der sogenannte "Blockchain Act", der Mitte 2019 in Kraft treten soll, ist die Idee des liechtensteinischen Regierungschefs Adrian Hasler, der sogar dem Bitcoin-Medium Cointelegraph ein Interview gegeben hat.[10] "Wir können eine global orientierte und gut ausgebildete Szene sehen, die sehr stark in den Fortschritt bei Blockchain-Technologien involviert ist. Wir glauben, dass wir erst am Anfang einer aufregenden und langfristigen Entwicklung stehen", sagte Hasler. In dieser Ausgabe unseres Reports finden Sie auch ein ausführliches Interview mit dem Regierungschef Liechtensteins.

 

ETF oder kein ETF?

Welche drei Buchstaben sind im Bitcoin-Sektor derzeit am wichtigsten? Nein, nicht FUD (Fear Uncertainty Doubt), sondern ETF (Exchange Traded Funds). Nichts bewegt den Preis derzeit so sehr wie die Frage, ob und wann die US-Aufsicht SEC einen Bitcoin-ETF genehmigen könnte. Es dürften unzählige Anträge vorliegen. Bisher hagelte es aber nur Absagen, erst Ende August gleich für neun potenzielle ETFs. Die Entscheidung sei kein Urteil über Bitcoin an sich, so die SEC. Vielmehr gehe es darum, Anleger vor den unsicheren und manipulierten Kryptomärkten zu schützen. Übersetzung: Bitcoin ist der SEC noch nicht erwachsen genug. [11]

Woher aber kommt die Aufregung rund um einen möglichen Bitcoin-ETF? So ein ETF wäre die wohl bequemste Form für ein Bitcoin-Investment, weil zumindest alle technischen Unsicherheiten für den Anleger beseitigt wären. Man kann die Situation bei Bitcoin am besten mit Gold vergleichen. Wer das Edelmetall physisch kaufen will, braucht einen Händler, einen Safe und eine Versicherung.

Wer es wiederverkaufen will, muss das Gold aus dem versicherten Safe nehmen und einen Käufer finden. Das ist zwar für überzeugte Goldbugs, die auf ein physisches Investment schwören, die bis heute beliebteste, wenngleich durchaus aufwendige Methode. Aktien kann man ja auch per Knopfdruck kaufen. Und ein ETF ermöglicht das eben für Edelmetalle und in Zukunft vielleicht für Bitcoin. Die mühselige Arbeit des physischen Kaufs und der Lagerung übernimmt der ETF-Betreiber. Der Anleger muss nur noch auf einen Knopf drücken.

Einige Beobachter meinen, dass die Einführung eines Gold-ETF im Jahr 2004 sehr wichtigfür den Bullenmarkt von Gold war. Jetzt hoffen viele Bitcoin-Anleger auf denselben Effekt für ihr bevorzugtes Asset. Allerdings lässt der ETF auf sich warten und jede Ablehnung oder Verschiebung einer Entscheidung durch die US-Aufsichtsbehörden drückt auf den Preis.[12] Unserer Meinung nach macht es keinen Sinn, ein Bitcoin-Investment allein von der ETF-Frage abhängig zu machen. Es wird mittel- bis langfristig einen oder mehrere solche Vehikel geben. Aber die laufende Debatte ist vor allem bedeutend, weil sie auf Basis der Fundamentaldaten von Bitcoin geführt wird. Soll heißen: Nur wenn die Märkte für die Kryptowährung tief und "erwachsen" genug sind, kann die Aufsicht einem ETF auch zustimmen.

Die Ende 2017 eingeführten Bitcoin-Futures waren ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Die Börse CBOE ist auch im Rennen um einen ETF und hat unserer Meinung nach die besten Chancen, Teil der ersten genehmigten Tranche zu sein. Bitcoin sollte von den Aufsichtsbehörden wie Gold und andere Rohstoffe behandelt werden, sagt die CBOE. Aber wann der erste ETF genehmigt wird, lässt sich aktuell nicht abschätzen. Es kann sich um Wochen, Monate und sogar Jahre handeln. Alles hängt davon ab, wie schnell sich die Märkte entwickeln.

In einer Reaktion auf die SEC haben sich einige amerikanische Börsen zusammengetan, um Regeln und Standards für die junge Industrie auszuarbeiten. Diese "Virtual Commodity Association" wurde von den Gemini-Gründern Cameron und Tyler Winklevoss ins Leben gerufen.[13]

 

Ein Game Changer namens BAKKT

Manche Betreiber werden gar nicht auf die ETF-Entscheidung der US-Aufsicht warten wollen. Das Ziel, mehr Investoren in den Sektor zu locken, lässt sich auch auf anderem Wege erreichen. Der vielleicht wichtigste Game Changer könnte direkt von der Intercontinental Exchange (ICE) kommen, die mit der New York Stock Exchange (NYSE) die größte Börse der Welt betreibt.

Schon im November will man einen Futures-Kontrakt mit "physical delivery" auflegen. Es sollen also "echte" Bitcoins fließen. Als Basis soll die bestehende Infrastruktur der ICE dienen. Später soll eine eigene Firma, genannt BAKKT, die Kryptopläne der Börse übernehmen. Auf Basis der Microsoft Cloud soll eine neue Krypto-Handelsplattform entstehen. Aber die Pläne gehen noch viel weiter.[14]

"Durch die Verbindung einer regulierten Infrastruktur mit institutionellen und privaten Anwendungen für digitale Assets, wollen wir das Vertrauen in die Assetklasse global stärken", sagte der CEO von ICE, Jeffrey Sprecher, der auch nicht davor zurückschreckt, das Potenzial von Bitcoin konkret anzusprechen: "Bitcoin könnte die Bewegung von Geld global massiv vereinfachen. Es hat das Potenzial, die erste weltweite Währung zu werden." An dieser Stelle sind wir zwar geneigt darauf hinzuweisen, dass Gold seit Jahrtausenden als global akzeptierte Währung fungiert. Wir wissen die Offenheit von Sprecher gegenüber der Innovation Bitcoin aber zu schätzen.[15] Sprecher merkt an, dass der Handel mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen klare Regeln braucht und eine verlässliche Infrastruktur. Hier stehen wir ganz klar noch am Anfang der Entwicklung.

Einer der ersten Partner von BAKKT soll Starbucks werden. De facto dürfte es darauf hinauslaufen, dass man seinen Iced double tall decaf peppermint cafe latte bald mit digitalem Geld kaufen kann. "Starbucks soll eine wichtige Rolle dabei spielen, praktische, vertrauenswürdige und regulierte Anwendungen für Konsumenten zu entwickeln, um ihre digitalen Assets in USD zu tauschen, um sie bei Starbucks zu verwenden", sagte Maria Smith, Vizepräsidentin für Partnerschaften und Zahlungsverkehr bei Starbucks.[16]

 

Die “echte” Welt entdeckt Bitcoin

Phasen fallender Preise sind gut für Grundlagenarbeit. Deshalb kommen aktuell immer mehr Meldungen, die die fundamentale Situation der Bitcoin- und Kryptomärkte zwar verbessern, die Preise aber nicht sofort beeinflussen. FUD und ETF sind keineswegs die einzigen Abkürzungen, die die Kryptowelt bewegen. Viele Wege führen in Richtung einer größeren Verbreitung und Akzeptanz von Bitcoin. Und so wie in unseren bisherigen Reports können wir auch in dieser Ausgabe eine ganze Reihe von Belegen aufzählen, dass Bitcoin in der "richtigen Welt" angekommen ist. Und wenn nicht dort, dann zumindest an der Wall Street.

Das CFA-Institute, wo zehntausende Menschen diffizile Prüfungen zu Finanzthemen ablegen, um sich später "zertifizierte Experten" nennen zu dürfen, ist jetzt auch auf den Bitcoin-Zug aufgesprungen und hat Fragen zu den Themen Krypto und Blockchain in ihre Materialien integriert. "Der Sektor entwickelt sich viel schneller als andere", so Stephen Horan, Managing Director für Ausbildung beim CFA-Institute in Charlottesville, Virginia, und ergänzt: "Das ist keine vorübergehende Modeerscheinung." Offenbar reagiert das CFA-Institute auch auf die steigende Nachfrage aus Asien, wo ein Großteil des Krypto-Handels stattfindet.[17]

Noch ein paar Abkürzungen gefällig? Fangen wir mit IMF an. Der Internationale Monetary Fund ist so etwas wie das Zentrum des internationalen Mainstream-Geldsystems. Es versteht sich von selbst, dass man dort lange skeptisch war gegenüber Bitcoin. Aber inzwischen gibt es ein Umdenken. Die Chefin des IMF, Christine Lagarde, ging sogar soweit zu sagen, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen das Finanzsystem "sicherer" machen könnten. Allerdings nur im Idealfall. Sie warnte, wie es sich für die Chefin des IMF gehört, im selben Satz vor "einem neuen Vehikel für Geldwäsche und Terrorfinanzierung". Immerhin kann sich der IMF nun eine Welt vorstellen, in der traditionelle Banken und private Gelder wie Kryptowährungen existieren.[18]

Auf der Ebene der Zentralbanken ist man sich uneinig. Die Bank for International Settlements (BIS), die oft als "Zentralbank der Zentralbanken" bezeichnet wird, hat sich als harter Bitcoin-Gegner positioniert. In einem 24 Seiten langen Report rechneten die Ökonomen der BIS im Juni mit Bitcoin ab. Das sei schon heute ein "Umweltdesaster" und werde nie die Versprechen erfüllen, die seine Erfinder abgegeben haben.[19]

Die dezentrale Struktur von Kryptowährungen sei eine Schwäche und keine Stärke für Währungen, so die BIS. Es sei "einfach zu riskant", die globale Wirtschaft ohne ein Zentrum zu betreiben. "Das dezentrale Konsensprinzip ist so fragil, dass das Vertrauen in das System jederzeit verschwinden kann", so der Report, der fortsetzt: "Das bedeutet, dass Kryptowährungen einfach aufhören können zu existieren, was zu einem totalen Verlust ihres Wertes führen würde." Zudem bestehe die Gefahr, dass Bitcoin das gesamte Internet zum Stillstand bringen könnte.

Ein wenig entspannter sieht Jay Powell, Chef der US-Notenbank Fed, die Sache. Der Kryptosektor sei nicht groß genug, um eine Gefahr für das Finanzsystem darzustellen, so Powell in einer Anhörung Mitte Juli. Die Fed habe keine Aufsicht über Kryptowährungen und wolle sie auch nicht regulieren, so Powell.[20]

Der finale Showdown

Der Preis von Bitcoin und allen Altcoins befindet sich seit Beginn des Jahres in einem Abwärtstrend. Wie wir gesehen haben, nutzen viele seriöse Player diese Zeit für den Aufbau neuer Infrastruktur. Ganze Staaten, wie etwa Liechtenstein, bereiten sich auf die nächste Phase der Blockchain-Revolution vor. Auch traditionelle Player wie der IMF, die Fed und die BIS haben Bitcoin und Co. im Auge.

Gleichzeitig wird der Sektor weiterhin von Kinderkrankheiten geplagt. Zentral ist hier die ICO-Bubble, vor der wir schon in unserem allerersten Report gewarnt haben. Die ist noch nicht verschwunden. Niemand geringerer als Jihan Wu, CEO des Bitcoin Mining-Giganten Bitmain, erwartet aber genau das: "Ich glaube, dass ICOs eine nicht nachhaltige Finanzblase sind, die irgendwann platzen wird. In einem oder zwei Jahren. Das ist nur eine Frage der Zeit. Sie wird einfach verschwinden."[21]

Wu glaubt zwar daran, dass traditionelle Assets in Zukunft in Form von Tokens handelbar sein werden, nicht aber an Crowdfunding in Form von ICOs. Freilich: Er will seine Firma Bitmain durch einen klassischen IPO an die Börse bringen, hat also seine eigene Agenda. Aus unserer Sicht hat er dennoch Recht. ICOs waren der Hype des Jahres 2018 und haben vor allem den Preis von Ethereum in die Höhe getrieben. Wie weit die Preise fallen können, wenn diese Blase endgültig platzt, wollen wir uns gar nicht vorstellen. Wobei Wu vor allem Aufmerksamkeit verdient, weil er im Unterschied zu vielen anderen, die sich zu Kryptowährungen äußern, weiß, wovon er spricht.

Die tiefste Preisprognose, die wir finden konnten, stammt dieses Mal vom berühmten Ökonomen Joseph Stiglitz. Der sagte im Juli, dass die Staaten irgendwann den "Hammer" gegen Bitcoin einsetzen werden und die Kryptowährung zu Tode regulieren werden. "Die Mächtigen werden anonyme Transaktionen regulieren. Da kann man sich sicher sein. Bitcoin kann in 10 Jahren nur 100 USD wert sein."[22]

Dem können wir nicht direkt widersprechen, weil niemand in die Zukunft sehen kann. Eigenartig ist aus unserer Sicht aber die konkrete Zahl. Vor 10 Jahren gab es Bitcoin noch nicht mal. Manch frühe Bitcoin-Anleger können sich noch an eine Zeit erinnern, in der 100 USD eine verrückt hohe Prognose waren. Dass der Skeptiker Stiglitz Bitcoin überhaupt einen Wert zugesteht und sogar sagt, dass es in 10 Jahren noch existieren wird, ist unserer Meinung nach Sensation genug. Aus Anlegersicht sind solche extremen Prognosen immer mit Vorsicht zu genießen, sowohl die der Bären, als auch die der Bullen.

Auftritt Tim Draper. Der Milliardär und Gründer der Venture Capital Firma Draper Fisher Jurvetson sieht für die Zukunft eine völlig andere Welt als Stiglitz und andere Skeptiker: "Ich glaube, dass Kryptowährungen die Fiat-Währungen in den nächsten fünf bis sieben Jahren überholen werden. Ich halte viele Kryptowährungen – hauptsächlich Bitcoin. Ich kaufe noch viel mehr. Ich glaube, dass das die Zukunft ist. Fiat ist die Vergangenheit. Ich habe noch ein bisschen Fiat für die alltäglichen Transaktionen. Aber ich glaube, dass sich das in den nächsten paar Jahren ändern wird."[23]

Dass es in der Kryptowelt weiterhin zu Hacks und Diebstählen kommt, wie zuletzt beim Ethereum-basierten Netzwerk Bancor, beunruhigt Draper nicht. Hacks gäbe es auch in der traditionellen Bankenwelt. Er sieht diese Angriffe aber als Argument für die Sicherheit von Bitcoin. "Je größer das Netzwerk von Wallet Besitzern, Minern und Stakeholdern, desto sicherer ist die Kryptowährung. Bitcoin ist also die sicherste."[24]

Draper hat eine faszinierende Vision für die Zukunft der Finanzwelt. Er glaubt, dass Kryptowährungen die Umlaufgeschwindigkeit (Velocity) des Geldes erhöhen werden: "Der aktuelle Markt für Währungen ist 86 Billionen USD groß. Ich erwarte, dass er in den nächsten 10 Jahren auf rund 140 Billionen anwachsen wird. Dieses Wachstum wird in Krypto geschehen. Ich gehe davon aus, dass die Verwendung von Fiat-Währungen zurückgehen wird und dass der Kryptosektor bis zu 100 Billionen dieses Marktes einnehmen könnte. Bitcoin sollte davon 10 Prozent abbekommen, also 10 Billionen. Es gibt also noch viel Luft nach oben." Da hat er Recht. Am absoluten Höhepunkt, als Bitcoin bei fast 20.000 USD stand, war der gesamte Markt nicht einmal eine Billion USD groß. Viele Analysten gehen kurz- und mittelfristig dennoch davon aus, dass wir Bitcoin im Bereich von 5000, 4000 oder sogar 3000 USD sehen könnten, bevor der Bärenmarkt vorbei ist.

Langfristig wird es faszinierend zu beobachten, ob Stiglitz oder Draper Recht behalten. Bitcoin und Krypto haben wahrscheinlich das Potenzial, Drapers Vision Wahrheit werden zu lassen. Aber auf dem Weg dorthin werden vermutlich viele traditionelle Finanzinstitutionen, die derzeit über unvorstellbare Macht verfügen, einfach verschwinden. Wir können also nachvollziehen, dass Stiglitz mit massiver Gegenwehr rechnet. Um Bitcoin tatsächlich zu stoppen, wäre aber wohl internationale Kooperation auf einem bisher nicht vorstellbaren Niveau nötig. Die Vision von Satoshi Nakamoto scheint also intakt. Bitcoin bläst tatsächlich zum Endkampf gegen Fiat. Neu gegen Alt. Online gegen Offline. Zentral gegen Dezentral. Und egal wie es ausgeht, spannend wird es auf jeden Fall.

[1] Vgl. “U.S. investor sues AT&T for $224 million over loss of cryptocurrency,” Gertrude Chavez-Dreifuβ, Reuters, August 15, 2018. https://www.reuters.com/article/us-cryptocurrency-at-t-lawsuit/u-s-investor-sues-att-for-224-million-over-loss-of-cryptocurrency-idUSKBN1L01AA

[2] Vgl. “The SIM Hijackers,” Lorenzo Franceschi-Bicchierai,Motherboard, July 17, 2018. https://motherboard.vice.com/en_us/article/vbqax3/hackers-sim-swapping-steal-phone-numbers-instagram-bitcoin

[3] Vgl. “Bitcoin Trading in Venezuela is skyrocketing amid 14,000% inflation,” John Detrixhe, Quartz, June 8, 2018. https://qz.com/1300832/bitcoin-trading-in-venezuela-is-skyrocketing-amid-14000-inflation/

[4] Vgl. “Regulated Crypto Custody Is (Almost) Here. It’s a Game Changer,” Olga Kharif and Sonali Basak, Bloomberg, June 18, 2018. https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-06-18/regulated-crypto-custody-is-almost-here-it-s-a-game-changer

[5] Vgl. “Fidelity, a household name in American investing, is plotting a big move into cryptocurrency trading,“ Frank Chaparro, Business Insider, June 6, 2018. https://www.businessinsider.de/fidelity-a-household-name-in-american-investing-is-plotting-a-big-move-into-cryptocurrency-trading-2018-6?r=US&IR=T

[6] Vgl. A Traditional Stock Exchange Is Also Going to Trade Cryptocurrencies Like Bitcoin,“ David Meyer, Fortune, July 6, 2018. http://fortune.com/2018/07/06/swiss-stock-exchange-cryptocurrencies/

[7] Vgl. “Boerse Stuttgart to develop ICO platform and MTF for cryptocurrency trading,” Finextra, August 2, 2018. https://www.finextra.com/newsarticle/32477/boerse-stuttgart-to-develop-ico-platform-and-mtf-for-cryptocurrency-trading

[8] Vgl. “Binance LCX Launches Fiat-toCrypto Exchange in Liechtenstein,” Ana Alexandre, Cointelegraph, August 16, 2018. https://cointelegraph.com/news/binance-lcx-launches-fiat-to-crypto-exchange-in-liechtenstein

[9] Vgl.“Krypto-Start-ups entscheiden sich selten gegen Liechtenstein,” Pascal Züger, Cash, August 13, 2018. https://www.cash.ch/news/politik/blockchain-vaduz-krypto-start-ups-entscheiden-sich-selten-gegen-liechtenstein-1199004

[10] Vgl. PwC’s Pierre-Edouard Wahl: Blockchain Can Bring Positive Competition to Swiss Banking Space,“ Molly Jane Zuckerman, Cointelegraph, August 8, 2018. https://www.cash.ch/news/politik/blockchain-vaduz-krypto-start-ups-entscheiden-sich-selten-gegen-liechtenstein-1199004

[11] Vgl. “Bitcoin ETFs Aren’t Coming Any Time Soon Thanks to the SEC,” Rachel Evans and Lily Katz, Bloomberg, August 23, 2018. https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-08-23/bitcoin-etfs-won-t-be-coming-any-time-soon-thanks-to-the-sec

[12] Vgl. “Are Bitcoin ETFs Back on the Table Again?,” Crystal Kim, Barron’s, March 27, 2018. https://www.barrons.com/articles/are-bitcoin-etfs-back-on-the-table-again-1522179678

[13] Vgl. “The Biggest Digital Exchanges Are Teaming Up To Police the Crypto Space,” Matthew Leising, Bloomberg, August 20, 2018. https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-08-20/winklevoss-effort-to-police-bitcoin-signs-up-more-exchanges

[14] Vgl. “NYSE-owner ICE to form new company for digital assets,” John McCrank and Anna Irrera, Reuters, August 3, 2018. https://www.reuters.com/article/us-ice-cryptocurrency-bakkt/nyse-owner-ice-to-form-new-company-for-digital-assets-idUSKBN1KO1QN

[15] Vgl. “Breaking: World’s Biggest Stock Exchange Operator is Launching a Bitcoin Market,” CNN, August 3, 2018. https://www.ccn.com/breaking-worlds-biggest-stock-exchange-operator-is-launching-a-bitcoin-market/

[16] Vgl. “New Starbucks partnership with Microsoft allows customers to pay for Frappuccinos with bitcoin,” Sarah Whitten and Kate Rooney, CNBC, August 3, 2018. https://www.cnbc.com/2018/08/03/starbucks-partners-with-microsoft-ice-on-new-cryptocurrency.html

[17] Vgl. “This Is Not a Passing Fad’: CFA Exam Adds Crypto, Blockchain Topics,” Michael Patterson and Andrea Tan, Bloomberg, July 16, 2018.   https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-07-16/cfa-exam-adds-crypto-blockchain-topics-as-wall-street-dives-in?srnd=cryptocurriences

[18] Vgl. “Bitcoin tools could make finance system safer, says IMF boss,” Richard Partington, The Guardian, April 16, 2018. https://www.theguardian.com/technology/2018/apr/16/bitcoin-tools-could-make-finance-system-safer-says-imf-christine-lagarde

[19] Vgl. “Bitcoin Could Break the Internet, Central Bank Overseer Says,” Edward Robinson, Bloomberg, June 18, 2018. https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-06-17/bitcoin-could-break-the-internet-central-banks-overseer-says

[20] Vgl. “Powell Says Cryptocurrencies Aren’t Big Enough to Pose a Threat,” Olga Kharif, Bloomberg, July 18, 2018. https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-07-18/powell-says-cryptocurrencies-aren-t-big-enough-to-pose-a-threat?srnd=cryptocurriences

[21] Vgl. “ICOs an ‚Unsustainable Financial Bubble’: Jihan Wu,” CCN, August 22, 2018. https://www.ccn.com/icos-an-unsustainable-financial-bubble-jihan-wu/

[22] Vgl. “Bitcoin price warning: BTC will drop to ‘$100’ after being ‘regulated into oblivion’,” David Dawkins, Express, July 9, 2018. https://www.express.co.uk/finance/city/985964/Bitcoin-price-ripple-cryptocurrency-ethereum-BTC-to-USD-XRP-Joseph-Stiglitz

[23] Vgl. “Billionaire Investor Bill Draper Explains Why Bitcoin Will Hit $250,000 in 2022,” Jordan French, The Street, July 25, 2018. https://www.thestreet.com/investing/bitcoin/billionaire-tim-draper-super-bullish-on-bitcoin-14603011

[24] Vgl. “Another Crypto Fail: Hackers Steal $23.5 Million from Token Service Bancor,” Jeff John Roberts, Fortune, July 9, 2018. http://fortune.com/2018/07/09/bancor-hack/

Written by

Nikolaus Jilch
Nikolaus is a journalist with the daily paper „Die Presse“ in Austria. Among other things, he covers monetary policy, precious metals, and general macro topics. He is also the author of a weekly finance column called „Wertsachen“. Nikolaus has been writing about Bitcoin and the blockchain since 2012.

Premium-Partner des Crypto Research Report: